Glosse Beispiel Essay

Basiswissen Journalismus: Darstellungsformen – Schreib das auf! Aber wie?

Wer beim Schreiben experimentiert, macht seine Texte nicht nur für die Leser spannender, sondern auch für sich selbst. Jenseits von Bericht und Meldung gibt es noch eine ganze Reihe weiterer journalistischer Darstellungsformen. Sie machen allerdings mehr Arbeit, als die Fakten einfach runterzuschreiben und seine eigene Meinung mit reinzumischen. Es ist aber eine Arbeit, die sich lohnt.

Die journalistischen Darstellungformen sind keine starren Kategorien. Nur während des Volontariats ist man auf jeden Fall verdammt, der “reinen Lehre” zu folgen und zumindest einmal eine waschechte Reportage, ein glasklar erkennbares Feature oder einen ausgefeilten Leitartikel zu schreiben.

Später vermischen sich die Formen. Das ist nicht so schlimm. Schlimmer: Meist verschwinden alle Stilmittel jenseits der 08/15-Texte á la Bericht und Meldung. Die Zeit ist oft nicht da, man will aktuell sein, oder man will einfach etwas runterschreiben. Und damit das gleich klar ist: Dagegen will ich gar nichts sagen. Viele Weblogs sind beliebt, obwohl sie kaum mal etwas anderes als Berichte enthalten und selbst wenn diese Texte bisweilen unstrukturiert und schwer verständlich sind. Das macht manchmal sogar einen Teil ihres Reizes aus. Sie sind eben nicht so glattgeschliffen wie Tageszeitungen oder Magazine.

Genug der Vorrede. Welche journalistischen Darstellungsformen gibt es denn nun?

Meldung

Die Meldung sieht wegen ihrer Kürze einfach aus. Ist sie aber nicht. Manchmal ist sie quälend schwierig, zumindest wenn man sich in den engen Grenzen einer Tageszeitung bewegen muss.

Eine Meldung nach der klassischen Lehre nennt das Wichtigste zuerst, dann in absteigender Wichtigkeit. Eine Meldung muss von hinten nach vorn problemlos kürzbar sein.

Dieser Grundsatz wird bei Presseagenturen wie der dpa heute noch hochgehalten und gilt als Qualitätsmerkmal. Oft funktioniert das gut, gelegentlich ergeben sich daraus sehr seltsame Konstruktionen, wenn man zunächst das Wichtigste benennt und dann in den folgenden Sätzen erst erklären kann, worum es genau geht, wie es dazu kam usw.

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Bericht

Ein Bericht stellt die Informationen zu einem Thema zusammen. Auch hier ist es wie bei der Meldung so, dass die wichtigsten Informationen zuerst kommen und die Inhalte absteigend wichtig sind. Hier muss zumindest absatzweise von hinten gekürzt werden können.

Nach der reinen Lehre enthält der Bericht nur Fakten, nicht die Meinung des Autors. Der Autor selbst tritt überhaupt nicht in Erscheinung.

In der Realität ist natürlich auch ein Bericht subjektiv. Durch die Auswahl der Informationen und Zitate sowie deren Reihenfolge und durch Nuancen in der Sprache lässt sich ein scheinbar neutraler Bericht schreiben, der dennoch klar eine Tendenz aufzeigt – sehr hinterhältig.

Kommentar

Im Kommentar kann der Autor dann endlich loswerden, was er über eine Sache denkt. Er stellt dazu seine Meinung kurz dar und begründet dann mit einigen wenigen guten Argumenten seinen Standpunkt. Auch bei langjährigen Journalisten wird man diese Urform des Kommentars heute kaum noch finden. Meist ist der Kommentar ein wischi-waschi Text, in dem mal ganz allgemein herumpalavert wird, was wer tun müsste (und sollte!), damit dies und jenes geschieht. Formulierungen wie “einerseits … andererseits” höhlen den eigentlichen Sinn des Kommentars aus und machen ihn weich und labberig. Bah. Blogger sollten das besser drauf haben. Hier dürfte die Herausforderung eher darin bestehen, sich auf eine Aussage und eine Liste von wenigen guten Argumenten zu beschränken.

Glosse

Bei einer Glosse wird ebenso wie beim Kommentar auf ein bestimmtes Thema eingegangen. Es wird aber überspitzt oder satirisch dargestellt. Reine Polemik und Übertreibung nutzen sich mit der Zeit ab. Jemand, der sich jederzeit bis an die Grenzen (und darüber hinaus) echauffiert, wird seine Leser langweilen. Die Schwierigkeit der Glosse besteht also im richtigen Maß, damit sie nicht einfach albern und unglaubwürdig wirkt. Da sich Blogs außerhalb von redaktioninternen Vorgaben und Grenzen bewegen, kann sich die Glosse frei entfalen – und wird ja auch schon oft verwendet, ohne dass sie so genannt wird.

Leitartikel

Beim Leitartikel werden ein Thema und die Meinungen dazu ausführlich dargestellt. Er gibt einen Gesamtüberblick zum Thema oder richtet den Blick auch nach vorn in die Zukunft.

Kolumne

Die Kolumne ist streng genommen keine eigene Darstellungsform. Sie hat in der Zeitung meist einen festen Platz und beschäftigt sich regelmäßig mit einem bestimmten Thema oder zeigt eine bestimmte Sichtweise. Oft ist die Kolumne also mit einem Autor verknüpft. In ihr können sich Kommentare finden, aber auch Glossen.

Rezension

Bei einer Rezension geht es um Bewertungen und Meinungen zu einem bestimmten Gegenstand, beispielsweise einem Buch, einem Theaterstück oder einer CD. In der Rezension werden zugleich alle notwendigen Fakten vermittelt, am Beispiel Buch: Autor, Titel, Verlag, Inhalte, Seitenzahl, Preis etc. Meistens haben Rezensionen ein gewisses Raster, damit sie miteinander vergleichbar sind. Gelegentlich werden auch miteinander verwandte Gegenstände parallel besprochen oder miteinander verglichen.

Reportage

Wie beim Kommentar darf und soll sich der Autor bei der Reportage selbst einbringen. Sie vermittelt Eindrücke von dem, was dem Autor begegnet ist.

Vom Aufbau her sind sich viele Reportagen ähnlich. Zunächst gibt es einen “szenischen Einstieg”. Man erzählt auf eine eher literarische Weise den Beginn. Das kann der tatsächliche Beginn dessen sein, worüber man berichten will oder man sucht sich einen anderen passenden Zeitpunkt. Im folgenden Text wechseln sich szenische Teile und Fakten über das Thema relativ regelmäßig ab. Idealerweise passen die Szenen und Fakten so zusammen, dass sie den Leser gemeinsam durch das Thema führen. Am Ende folgt der szenische Ausstieg, der vielfach wieder Bezug auf die erste Szene nimmt und somit den Kreis schließt.

Eine Reportage ist nicht leicht zu schreiben. Es kann aber sehr viel Spaß machen. Und wenn sie gelungen ist, wird sie auch die Leser begeistern. Es ist eher eine literarische Form und erzählt eine Geschichte. Es ist dabei erlaubt und gewollt, dass der Autor selbst in Erscheinung tritt und seine eigenen Gedanken und Gefühle einbringt.

Feature

Das Feature sieht der Reportage recht ähnlich. Auch hier findet man häufig einen szenischen Einstieg und auch innerhalb des Textes können sich szenische Elemente und Informationen miteinander abwechseln. Während die Reportage aber ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Menschen darstellt, beschäftigt sich das Feature mit einem allgemeineren Thema. Es beginnt zunächst mit einem konkreten Beispiel und weitet sich dann auf eine allgemeine Betrachtung aus.

Essay

Beim Essay verschwimmen ähnlich wie bei Reportage und Feature die Grenzen zwischen literarischem und journalistischem Schreiben. Das Essay behandelt ein Thema ausführlich und beleuchtet es von verschiedenen Seiten. Es ist dabei die Kunst des Autors, den Text spannend, unterhaltsam, informativ zu gestalten. Der Leser soll den Autor dabei begleiten, wie er sich Gedanken über das Thema macht. Es ist vielleicht vergleichbar mit einer wissenschaftlichen Abhandlung, aber mehr auf Unterhaltung und die Sprache ausgelegt.

Interview

Das Interview kennen sicher alle als Darstellungsform. Es sieht aus wie ein Gesprächsprotokoll zwischen dem Interviewer und seinem Interviewpartnern. Es gibt natürlich auch Interviews mit mehreren Fragenden und Antwortenden.

Die Kunst des Autors besteht hier darin, das Gespräch gut vorzubereiten und zu leiten. Zudem wird im eigentlichen Text (meistens) nicht einfach wortwörtlich wiedergegeben, was gesagt wurde. Auch ein Interview wird gestaltet. Missverständnisse, Rückfragen, Wiederholungen etc. werden entfernt. Natürlich kann es ebenso interessant sein, das Interview in der Rohfassung zu veröffentlichen. Die Frage ist dabei nur: Vermittelt das dem Leser zusätzliche Informationen?

Möglich ist auch ein standardisierter Fragebogen, der immer wieder verschickt wird.

Fazit

Klar zu sehen: Es gibt noch mehr Möglichkeiten als die Glosse, den Kommentar, den Bericht oder die Meldung. Und vielleicht ist es ja sogar spannend, das mal auszuprobieren – wenn die Zeit es erlaubt.

Übrigens eignen sich viele dieser Formen nicht nur fürs Schreiben. Auch Podcasts können davon profitieren. Allein Feature und Reportage, schick gemischt mit Originaltönen, können richtig viel Spaß machen.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel erschien bei UPLOAD erstmals im Rahmen der Blog-Aktion “UPLOAD-Einweihungsfete” am 20. Januar 2007. Für die Serie “Basiswissen Journalismus” habe ich ihn wieder nach vorn geholt, weil viele ihn noch nicht kennen werden und weil sich inhaltlich an den Darstellungsformen im Journalismus seitdem nichts verändert hat.

Alle Beiträge der Serie “Basiswissen Journalismus” auf einen Blick

Artikel vom 27. November 2007

In den Medien, aber auch in der Schule lassen sich Glossen gut anbringen. In Funk und Fernsehen sowie in den Zeitungen finden wir sie als kurze Reaktion auf aktuelles Tagesgeschehen. In der Schule kann man sie z. B. nutzen, um auf humorvolle Weise auf bestimmte Verhaltensweisen aufmerksam zu machen.

Die Glosse selbst hat viele Erscheinungsformen.
Sprachglossen kritisieren Sprachvergehen und schlechte Sprachgewohnheiten.

Tatsachenglossen greifen authentische Sachverhalte (politische, soziale usw.) auf und glossieren sie.

Überschriftenglossen haben die Besonderheit, dass die Pointe schon in der Überschrift zu finden ist.

Zitatglossen haben Rede- und Textauszüge zur Grundlage.

Beispiel Tatsachenglosse:

Kurt Tucholsky
Der Kontrollierte

Da ist die berliner Straßenbahn . . . Aber es wird ja auf den anderen Bahnen nicht viel anders sein . . . Also da sitzen nun die Leute da und träumen und glotzen und unterhalten sich und manche lesen – –. Auf einmal betritt ein uniformierter Mann den Wagen und sagt: „Die Fahrscheine bitte!“ – Das ist ein Beamter, der hauptsächlich zur Kontrolle der Schaffner angestellt ist.

Pflichtschuldig wühlt alles in den Taschen. Alle reichen das Stückchen Papier dem Beamten hin. Nur einer hat seinen Fahrschein verloren.

Es ist doch ein Bedientenvolk, das deutsche. Denn nun sehen alle den Mann an, als ob er ein Verbrechen begangen habe. Denn sie bilden sich ein, der Beamte kontrolliere sie. Dabei ist der Beamte höflich und tut eigentlich nichts, was diesen Aberglauben bestärken könnte. Aber sie denken sich das so und sind voller Ehrfurcht und verabscheuen alle den Mann, der seinen Fahrschein verloren hat. Einen Augenblick hat er den ganzen Wagen gegen sich. Manche mögen ja ein bißchen teilnahmsvoll zusehen, wie er sich abmüht, und sie denken sich schaudernd in seine entsetzliche Lage . . .

Sie ducken sich. Sie bekommen einen roten Kopf. Der Verlierer einen dunkelroten. Er entschuldigt sich. Er sagt nicht: „Ich hab ihn verlegt, ich werde meinethalben nachbezahlen . . . “ Er fühlt sich ertappt. Man sollte nicht denken, einen Erwachsenen vor sich zu haben, der vielleicht eine Frau hat, Kinder, die er erziehen soll, Angestellte, die er anschnauzt . . . Hier ist er ganz klein. Denn hier ist das Heiligste an einen Deutschen herangetreten: die Uniform. Und da hört der Spaß auf.

Eine Kleinigkeit, eine Belanglosigkeit, gewiß. Aber doch wieder eine einfache Beobachtung des täglichen Lebens, die zeigt, wie hier der einzelne gar nicht erst wagt, zu sagen: »Hallo! Hier bin ich!« – Sondern er bekommt einen roten Kopf, duckt sich und sucht den Fahrschein.

Und das ist eine Misere des deutschen Lebens.
(Tucholsky, Kurt: Der Kontrollierte. In: Vorwärts, 18.09.1913)

Erklärung
Das duckmäuserische Verhalten der hoheitsgläubigen deutschen Staatsbürger vor dem Ersten Weltkrieg wurde hier glossiert und dabei auch der Widerspruch zwischen dem schönen Schein und dem tatsächlichen Sein aufs Korn genommen.

Beispiel Sprachglosse:

Karl Kraus

Ähnlichkeit

Ein analytischer Schmock, einer von jenen, die jetzt aus allen Spalten grinsen, berichtet in der „Frankfurter Zeitung“ über eine Plauderei, die der bekannte Erotiker Franz Blei in Berlin abgehalten und bei der er Fragen aus dem Auditorium kulant beantwortet hat.

„Wie er in schlichten, nichteifernden Worten sein Bekenntnis gab, konnte man in den ausdrucksvollen Zügen das feine Theologengesicht entdecken, das Max Oppenheimer malte. Verblüffend ist in solchen Momenten auch eine gewisse Ähnlichkeit Bleis zu dem in mancher Hinsicht geistesverwandten Karl Kraus; nur daß der Wiener Kaffeehaustheologe ein so strenger Stilkünstler ist, daß er nur vorlesen kann und sich zu solchen Stegreifexperimenten nicht hergibt.“

Was die Kaffeehaustheologie anlangt, so könnte man mit Recht jeden Pfarrer einen Kaffeehaustheologen nennen, der keine Köchin hat und deshalb im Kaffeehaus den Kaffee nehmen muß. Was die Geistesverwandtschaft mit Herrn Blei anlangt, so ist sie insofern ersichtlich, als Herr Blei meine Aphorismen mit Interesse gelesen hat. Da ich mich aber für Bilderhandel nicht interessiere, so dürfte die Ähnlichkeit doch wieder nur sehr oberflächlich sein und höchstens eine „zu“ mir, aber nicht mit mir. Alles in allem, vermute ich, wird das Gesicht des Herrn Blei meinem Gesicht so verblüffend ähnlich sein, wie ein Porträt des Herrn Oppenheimer einem Porträt von Kokoschka.
(Kraus, Karl: Ähnlichkeit. In: Die Fackel, Nr. 381/382/383, XV. Jahr. Wien, 19. September 1913)

Begriffserklärungen:

Schmock: jiddisch: unangenehmer, rechthaberischer, belehrender, eitler oder arroganter Mensch, Tölpel

Franz Blei (1871–1942): österreichischer Schriftsteller, schrieb u.a. Essays und Literaturkritiken. Er war u.a. auch Herausgeber erotischer Literatur des Barocks und philosophischer Essays über Pornografie zwischen 1905 und 1911.

Max Oppenheimer (1885–1954): österreichischer Maler, um 1913 Anhänger des Kubismus.

Oskar Kokoschka (1886–1980): österreichischer Maler und Grafiker des Expressionismus.

Kaffehaustheologie: Das von Karl Kraus in der Glosse zitierte Wiener Kaffeehaus hat eine lange Tradition. Mann kann sich bei einem Kaffee dort stundenlang aufhalten, Zeitung lesen oder schreiben. Deshalb war das Kaffeehaus lange Zeit Treffpunkt der Wiener Bohème. Das Kaffehaus lieh der sogenannten Kaffeehausliteratur (Vertreter waren u.a. Peter Altenburg, Felix Salten, und Anton Kuh) ihren Namen. Darauf spielt der Artikel in der Frankfurter Zeitung, den Karl Kraus hier glossiert, offenbar an.

Karl Kraus (1874–1936): österreichischer Schriftsteller und Sprachkritiker.

Wie schreibt man eine Glosse?

Das Glossieren ist nicht die leichteste Sache, wie auch Humor und Satire nicht jedem mit in die Wiege gelegt wurden.
Zum einen muss man die Sprache gut beherrschen, sich in wenigen Worten trefflich ausdrücken können. Zum anderen muss gut überlegt sein, welche Verhaltensweisen unsere Unterstützung finden sollten und welche nicht, wo sich welche Widersprüche auftun und ob und wie sie sich lösen lassen.

Wer sich an eine Glosse wagen will, sammelt Ideen und Material zum Thema. Welche Denkanstöße will ich geben, wie kann ich innerhalb eines kurzen Textes dazu hinführen? Was sage ich wie indirekt? Manchen fällt auch zuerst eine Pointe ein. Meist ändert sich ihre Ausformulierung aber noch einmal, wenn man den Aufbau Schritt für Schritt überdenkt.

Mitunter führt erst ein konkreter Anlass dazu, dass aus einer Idee und der Materialsammlung wirklich etwas wird. Nicht selten ist eine mehrfache sprachliche Überarbeitung unabdingbar, um dahin zu kommen, dass alles bis zum Punkt stimmig ist.

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